Gründonnerstag & die Kraft der ersten Wilden
Der Frühling entfaltet sich, und die Erde zeigt, zaghaft ihr erstes Grün.
Kennst du Tradition am Gründonnerstag eine grüne Kräutersuppe zu essen?
Auch wenn der Name Gründonnerstag wahrscheinlich aus dem althochdeutschen Wort greinen hervorgegangen ist und auf das Weinen verweist (christlicher Kontext), ist der Brauch, an diesem Tag grüne Speisen zu sich zu nehmen, bereits seit dem 14. Jahrhundert nachweisbar. Junge Pflanzen, frische Blätter und erste Kräuter fanden ihren Weg in die Küche und brachten die belebende Kraft des Frühlings auf den Tisch.
Aus diesem Zusammenhang heraus entwickelte sich in vielen Regionen die Sitte der sogenannten Grünen Neune. Dabei wurde eine Suppe aus neun verschiedenen Wildkräutern zubereitet, deren Zusammensetzung sich stets nach der jeweiligen Landschaft und den aktuellen Wachstumsbedingungen richtete. Brennnessel, Giersch, Löwenzahn, Sauerampfer, Wegerich und Bärlauch gehörten häufig dazu, ergänzt durch das, was die Natur in diesem Moment schenkte und was achtsam gesammelt werden konnte.
Die Ursprünge dieses Brauchs werden in der volkskundlichen Forschung mit frühen Frühlingsritualen in Verbindung gebracht, wie sie in keltischen und germanischen Kulturen bekannt waren. Nach den entbehrungsreichen Wintermonaten galt es, den Körper zu stärken und ihn mit frischen, nährstoffreichen Pflanzen zu versorgen. Die ersten Wildkräuter wurden als Träger von Lebenskraft verstanden und bewusst in die Ernährung integriert.
Dreifaltige Göttin
Auch die Zahl Neun trägt eine symbolische Bedeutung, die sich durch viele kulturelle Zusammenhänge zieht. Als dreifache Drei steht sie für Ganzheit und Vollständigkeit und wurde später in christlichen Deutungen mit der Idee der Dreifaltigkeit verbunden. In der Verbindung von Zahl und Pflanze entsteht ein Bild von Fülle, das sich in der Zubereitung und im gemeinsamen Essen ausdrückt.
Die Kräutersuppe selbst wurde im Volkswissen als kräftigend und vitalisierend beschrieben. Die enthaltenen Bitterstoffe und Nährstoffe der Wildpflanzen unterstützen diese Wahrnehmung auch aus heutiger Sicht.
Hier ist, was man gerade so sammeln kann:
Löwenzahn
Brennnessel
Gundermann
Knoblauchsrauke
Bärlauch
Vogelmiere
Gänseblümchen
Giersch
Taubnesseln
Veilchen
Schafgarbe
Birkenblätter
Breit- und Spitzwegerich
Scharbockskraut
Das Sammeln der Kräuter am Gründonnerstag ist ein stiller, aufmerksamer Vorgang, der die Wahrnehmung für die Umgebung schärft und die Verbindung zur Natur vertieft. Mit wachen Sinnen wird aufgenommen, was gewachsen ist, und in einem achtsamen Prozess weiterverarbeitet. Die Zubereitung der Suppe wird so zu einem ruhigen Ritual, das den Übergang in den Frühling begleitet und die erneuernde Kraft dieser Jahreszeit erfahrbar macht.
Sammle nur was du kennst!
Auf diese Weise entsteht eine Speise, die weit über ihre Zutaten hinausweist und eine lebendige Erinnerung an überlieferte Erfahrungen in sich trägt. Die Redewendung „Ach, du grüne Neune“ ist bis heute im Sprachgebrauch erhalten, auch wenn ihre Herkunft nicht eindeutig geklärt werden kann und unterschiedliche Deutungen nebeneinander bestehen.
Die Grüne Neune zeigt sich als offener, lebendiger Brauch, der sich immer wieder neu entfaltet und zugleich eine tiefe Verbindung zur Vergangenheit bewahrt. In ihr verbindet sich das Wissen um die Kraft der ersten Wildpflanzen mit der Erfahrung eines Neubeginns, der sich Jahr für Jahr in der Natur und im Menschen vollzieht.
Falls du Lust hast es mal auszuprobieren, gebe ich dir hiermit mein persönliches Rezept für meine alljährliche Kräutersuppe.
Lass dich inspirieren und mach deine eigene Kreation daraus!
Ich freue mich, wenn du das Ergebnis mit mir und sehr, sehr gerne auch diesen Artikel mit lieben Menschen teilst!