Die große Urmutter Frau Holle

Ich möchte meinen ersten Block Eintrag niemand geringerem widmen als Frau Holle, welche nicht nur auf mein Wirken und Wahrnehmen, einen großen Einfluss hat, sondern auf den gesamten Zyklus der Natur.

Ich nehme dich mit auf eine Reise zur Göttin, ihrer Verwandlung und ihrem Weg zurück in die Volkskunde:

Wer war oder ist diese Figur, die die meisten nur aus den Märchen der Gebrüder Grimm kennen?

In den Tiefenschichten der mitteleuropäischen Erinnerung lebt eine Gestalt, die viele Namen trägt und doch immer dieselbe bleibt. Sie steigt aus den Böden der Mittelgebirge auf, wandert durch die Moore des Nordens, zieht über die winterlichen Almen und kehrt in den Träumen der Menschen wieder. Holle nennt man sie in den Landschaften zwischen Harz und Rhön, Harke in der Mark Brandenburg, Gode im norddeutschen Raum, Perchta im Alpenland. Ihre Namen verändern sich mit den Dialekten, ihre Essenz bleibt geborgen im Rhythmus der Erde.

Diese Gestalt gehört zu den ältesten überlieferten weiblichen Wesen Europas. Sie stammt aus einer Zeit, in der Spiritualität aus Landschaft gelesen wurde, in der Hügel, Quellen, Nebel und Wälder als lebendige Archive galten. In ihr bündeln sich die Kräfte des Winters, der Fruchtbarkeit, der Schwelle zwischen Leben und Tod, des weiblichen Wissens um Blut, Geburt, Wandlung und Rückkehr. Sie trägt die Erinnerung an eine Muttergöttin, deren Verehrung den Jahreskreis strukturierte und deren Gegenwart das alltägliche Leben durchzog.





Über Sprachgeografie und die verschiedenen Namen lässt sich aber sagen, dass sie mindestens bis ins frühe Mittelalter und damit eindeutig in die germanische Zeit zurückreichen. Eine wichtige Quelle ist Burkhard von Worms um das Jahr 1000. Er berichtet von einer Gestalt namens Holda oder Holder, oder auch Frau Holle genannt. In diesen Überlieferungen heißt es, dass nachts die Unholden im Gefolge dieser Holden durch die Lüfte und die Nächte fliegen.

Warum ist das wichtig? Weil wir hier eine belegte Überlieferung von Frau Holle aus dem Jahr 1000 haben. Sie ist darin die Anführerin der Hexen und der Nachtfahrenden. Das kann man auch bei Jacob Grimm in der „Deutschen Mythologie“ nachlesen. Frau Holle ist eine Hexengöttin und führt, abwechselnd oder gemeinsam mit Wotan, die Wilde Jagd an. Sie wurde wahrscheinlich von Hexen verehrt.
Die Brüder Grimm werden oft so dargestellt, als hätten sie diese Geschichten selbst erfunden. Das stimmt nicht. Sie haben die Märchen gesammelt. Viele dieser Überlieferungen sind bis zu 6000 Jahre alt, wie man heute mit phylogenetischen Methoden nachweisen kann. Sie wurden teilweise schon in proto-indoeuropäischer Ursprache erzählt und reichen bis zu den Germanen und sogar zu den alten Europäern zurück. (4000-2000 Jahre vor unserer Zeit)

Mit der Ausbreitung des Christentums wandelte sich ihre Gestalt. Teile ihres Wesens gingen in Heiligenfiguren über, andere sanken in die Tiefe der Volksmärchen, wo sie als alte Frau, als Spinnerin, als geheimnisvolle Geberin von Gold weiterlebte. Gerade in diesen Erzählungen bewahrte sie ihre Kraft, verborgen und doch wirksam, getragen von der mündlichen Überlieferung.

In der Mark Brandenburg tritt sie als Frau Harke hervor, tief verwurzelt in der Landschaft des Elb-Havel-Winkels. Auf dem Frau-Harkenberg bei Kamern, am stillen Kamernschen See, an der sagenumwobenen Hedemicke-Kiefer verdichtet sich ihre Präsenz. Hier erscheint sie groß und erdhaft, verbunden mit Nebel, Winter und dem Zyklus der Felder. Sie spricht Recht an steinernen Kanzeln, begleitet den Wandel der Jahreszeiten und wacht über das Leben der Menschen. In den Sagen wirft sie Steine in Richtung neuer Kirchenbauten, ein Bild für die Reibung zwischen altem Wissen und neuer Ordnung, das sich tief in das kulturelle Gedächtnis eingeschrieben hat.

Weiter im Norden begegnet sie als Frau Gode, als Gute, als Ahnfrau, deren Name die Nähe zum Göttlichen bewahrt. In Mecklenburg, im Wendland, in der nördlichen Mark erscheint sie als segnende Gestalt, als Hüterin von Herd und Hof, als Wetterfrau und Begleiterin der Rauhnächte. Sie bewegt sich leise durch die Höfe, bringt Ordnung, schützt Kinder und bewahrt die Verbindung zu den weiblichen Ahnenlinien. In ihr zeigt sich die mütterliche Seite der Großen Mutter, die nährt, ordnet und trägt.

Frau Holle erscheint in den mitteldeutschen Überlieferungen als Hüterin des Winters, als Weberin der Schicksalsfäden, als Herrin der Rauhnächte. In ihr verbinden sich kosmische Ordnung und häusliche Arbeit, das Spinnen am Herd und das Schneien über den Feldern. Ihr Reich liegt unter der Erde, in Höhlen, Quellen und Bergen, dort, wo die Seelen der Ungeborenen und Verstorbenen verweilen. Sie begleitet Frauen durch alle Schwellen ihres Lebens und bewahrt das Wissen um das rechte Maß, das sich im Rhythmus der Natur ausdrückt.

Im Alpenraum schließlich tritt sie als Perchta hervor, als mächtige Winterfrau, deren Zeit in den letzten Nächten des Jahres kulminiert. Mit den Perchtenzügen zieht sie durch die Dörfer, begleitet von Masken, Glocken und archaischen Gestalten. Diese Läufe bewahren die Erinnerung an einen vorchristlichen Winterkult, in dem Reinigung, Segnung und die Ordnung des kommenden Jahres verhandelt wurden. Perchta wacht über das Spinnen, über die Übergänge, über die Seelen der Ungeborenen. In ihr verdichtet sich die Weisheit des Winters, die Kraft der Schwelle, das Wissen um Tod und Erneuerung.

Alle diese Gestalten sind durchzogen von der Bewegung der Wilden Jagd. In den Stürmen der Rauhnächte zieht die Große Mutter mit ihrem Gefolge durch die Lüfte, begleitet von Seelen, Naturwesen und Ahnen. Diese nächtlichen Züge spiegeln die zyklische Ordnung der Welt, in der Übergänge begangen und die Grenzen zwischen den Sphären durchlässig werden.

Im Kern all dieser Erscheinungsformen lebt die uralte Struktur der Drei-Frauen-Göttin. Die junge Frau, die den Neubeginn und die Initiation trägt, die reife Mutter, die nährt und gebiert, die alte Weise, die den Winter, den Tod und das Ahnenwissen hütet. Holle, Harke, Gode und Perchta tragen diese Dreiheit in sich, jede auf ihre Weise, verwoben mit Landschaft, Jahreszeit und kulturellem Gedächtnis.

Heute kehren diese Gestalten in das Bewusstsein zurück. Sie sprechen Menschen an, die nach Verwurzelung, nach zyklischem Denken, nach einer Spiritualität suchen, die Körper, Erde und Geschichte verbindet. In ihnen liegt ein Wissen, das über Jahrhunderte getragen wurde, ein Erbe, das in Märchen, Bräuchen und Landschaften bewahrt blieb und nun wieder hörbar wird.

So steht die Alte Mutter Europas wieder im Raum, vielnamig, vielgestaltig, getragen von Winter und Traum, von Spindel und Sturm. Sie lebt in der Erde, in den Geschichten, im Blut der Frauen und im Gedächtnis der Landschaft. Ihre Rückkehr geschieht leise, wie Schnee, der fällt und alles miteinander verbindet.

Hast du Lust die Holle-Magie und die Dreifaltige Göttin noch besser kennenzulernen? Dann sei am Abend des 6. Januars online mit dabei:

Ein Abend mit Frau Holle
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Abschluss der Raunächte - ein Weg in die innere Autorität