Die Birkengöttin
In den vorchristlichen Kulturen Europas trug die Birke einen sakralen Rang, der sich sowohl bei den Kelten als auch bei den germanischen Stämmen nachzeichnen lässt. Bereits die Sprache selbst öffnet hier ein uraltes Bedeutungsfeld: Der Name des Baumes führt zurück auf die indogermanische Wurzel *bhergo, die für Helligkeit, Leuchten und Strahlen steht. Gemeint ist damit die lichtschimmernde, weiße Rinde der Birke ebenso wie die dahinter wirkende weibliche Gestalt, die als Verkörperung dieses Leuchtens gedacht wurde.
Im keltischen Kulturraum erscheint diese Qualität im Bild der Göttin Brigid, einer uralten Licht- und Frühlingsgöttin, deren Name aus derselben Wortfamilie hervorgegangen ist. Ihr heiliger Zeitraum fällt bis heute auf den Übergang vom 1. zum 2. Februar, bekannt als Imbolc, ein Fest des erwachenden Lichtes und der ersten Regungen des neuen Jahres. Auch im kontinentalgermanischen Raum begegnet dieselbe archetypische Figur in anderer Gestalt: Berchta, eine Lichtgöttin, deren Name ebenfalls auf die indogermanische Wurzel des Leuchtens verweist. Ihre kultischen Umzüge haben sich im Jahreslauf auf denselben Zeitraum konzentriert und leben im christlich überformten Mariä Lichtmess fort, ebenfalls am 1. und 2. Februar verankert.
Aus diesen sprachlichen, mythologischen und kalendarischen Übereinstimmungen zeichnet sich das Bild einer sehr viel älteren Schicht europäischer Spiritualität ab. Bereits in indogermanischer Zeit scheint eine große Lichtgöttin verehrt worden zu sein, eng verbunden mit der Birke als mythobotanischem Symbol des aufsteigenden Frühjahrs. Anfang Februar wurde sie rituell geehrt, als strahlende Hüterin des wiederkehrenden Lichtes, als weiße Göttin des Neubeginns, deren Spuren sich bis heute in Namen, Festtagen und Überlieferungen erhalten haben.